Heute ist der 1. September. Das heißt, dass der August vorbei ist. Das wiederum heißt, dass die Wetterdaten für den "Jahrhunderthöllensommer"-Monat nun vollständig vorliegen.

Ich habe auf www.wetterkontor.de geschaut, wie der Monat nun im Vergleich zu den letzten Jahren "abgeschnitten" hat: die Durchschnittstemperatur war mit 18,3°C etwa 1,9 Grad höher als im aktuellen 30-Jahres-Durchschnitt für August-Temperaturen, die Niederschlagsmenge war mit 36,3l/qm nur bei 53% des aktuellen 30-Jahres-Durchschnitt für August-Niederschläge. Also kurz und knackig zusammengefasst: im Durchschnitt ungefär zwei Grad wärmer als üblich, aber mit nur halb so vielen Niederschlägen sehr trocken.

Was sagt uns das, dass sich sehr viele über den unglaublich heißen Sommer beschwert haben? Abgesehen davon, dass das hierzulande ja ziemlich normal ist -- im Sommer ist es immer viel zu heiß, im Winter viel zu kalt -- sagt es mir persönlich auch, dass die "Klimaschutzziele" vielleicht nochmal überdacht werden sollten:

Das Zwei-Grad-Ziel beschreibt das Ziel der internationalen Klimapolitik, die globale Erwärmung auf weniger als zwei Grad Celsius gegenüber dem Niveau vor Beginn der Industrialisierung zu begrenzen. Das Ziel ist eine politische Festsetzung, die auf Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse über die wahrscheinlichen Folgen der globalen Erwärmung erfolgte.


Was bedeutet ein Temperatur-Anstieg von durchschnittlich zwei Grad? Dass der aktuelle August ein völlig normaler Sommer sein wird. Wenn das ein völlig normaler Sommer ist, dann wird es natürlich mal angenehmere Sommer geben, und dann mal wieder extrem heiße Sommer, wo der Durchschnitt nochmal zwei oder vier Grad höher liegt. Der August 2003 war beispielsweise noch etwas wärmer (Durchschnittstemperatur 19,5°C). Eine Studie der EU hat ergeben, dass in diesem Sommer (der nur "ein bisschen wärmer" war als der aktuelle!) über 70.000 Menschen in Europa durch die Hitzewelle starben.

Es sollte mit diesem Sommer auch dem letzten Dödel klar sein, dass die Klimakathastrophe Realität ist. Aber die Ansicht, dass dieses "Zwei-Grad-Ziel" so eine Art "die Politiker streiten da ein wenig rum und dann wird es halt drei oder fünf Grad, aber da wird sich doch eh kaum was ändern"-Gerede ist, da sollten wir als Akademiker mal langsam vehementer widersprechen. Etliche Fachleute tun das bereits:

Das Zwei-Grad-Ziel wird von Einigen für nicht ausreichend angesehen. So bedeutet eine Erwärmung um zwei Grad für indigene Völker eine Zerstörung ihrer Kultur und Lebensweise, sei es in arktischen Regionen, in kleinen Inselstaaten oder in Wald- oder Trockengebieten, sowie den fast vollständigen Verlust aller Korallenriffe weltweit. Die Grenze für ein Abschmelzen der grönländischen Eismassen liegt nach einer im Jahr 2012 erschienenen Studie zwischen 0,8 und 3,2 Grad. Einige Klimaforscher halten das Zwei-Grad-Ziel daher für zu hoch angesetzt und plädieren für ein 1,5-Grad-Ziel. Stefan Rahmstorf bezeichnet den Begriff des Zwei-Grad-"Zieles" als irreführend, da wohl niemand, der "bei Sinnen" sei, eine Erwärmung um zwei Grad herbeiführen wolle. Es gehe vielmehr darum, diese unter allen Umständen zu verhindern.

So plädierte die Deutsche Physikalische Gesellschaft schon im Dezember 1985 und erneut im Jahr 1987, gemeinsam mit der Deutschen Meteorologischen Gesellschaft, für die Einhaltung eines Ein-Grad-Ziels.

In einer im Jahr 2013 erschienenen Studie wurde das Speläothem-Wachstum in sibirischen Höhlen während der letzten 500.000 Jahre untersucht. Demnach reicht eine globale Erwärmung von 1,5 Grad im Vergleich zu den vorindustriellen globalen Durchschnittstemperaturen aus, um ein starkes Auftauen sibirischen Permafrostbodens bis hin zum 60. Breitengrad auszulösen. Da im Permafrost der Nordhemisphäre eine Kohlenstoffmenge gespeichert ist, die zweimal dem vorindustriellen Gehalt der Atmosphäre entspricht, bedeutet dies, dass bereits bei einer Erwärmung um 1,5 Grad ein großes Risiko für eine starke Freisetzung von Methan und Kohlenstoffdioxid aus dieser Quelle besteht, was zu einer weiteren Erwärmung führen würde.

Der Klimatologe James E. Hansen nannte im Dezember 2011 das Zwei-Grad-Ziel ein "Rezept für eine Katastrophe" (original englisch: "a prescription for disaster"). Zusammen mit 15 anderen Autoren veröffentlichte er im Jahr 2015 eine wissenschaftliche Arbeit, in der er unter anderem auf die Gefahren eines sich exponentiell beschleunigenden Meeresspiegelanstieges und extremer Stürme hinweist, die sich bei einer Erwärmung um zwei Grad ergäben.


Und nun, wo wir hoffentlich alle so langsam ins Grübeln kommen, ob ein Temperatur-Anstieg von zwei Grad so pillepalle ist, wie es gerne von Medien und Politikern suggeriert wird kommt noch eine ganz schlechte Nachricht zum Abschluss: das offizielle Ziel beschreibt eine Abweichung zum Vor-Industriellen Zeitalter, also zu den Temperaturen vor 1850. Da liegen wir im Durchschnitt schon 1,2 Grad darüber -- für das "Zwei-Grad-Ziel" bleiben also eigentlich nur noch 0,8 Grad über. Für das 1,5-Grad-Ziel (wo durch das Abschmelzen der Arktis-Eises eine weitere Verschärfung eintritt) nur noch 0,3 Grad. Und das schon in den 1980ern eingebrachte Ein-Grad-Ziel ist längst überschritten.

Wer sich irgendwie in Punkto Umwelt und Klimaschutz engagiert oder sich dafür interessiert sollte also bitte nie mehr diese ominören "zwei Grad" in den Mund nehmen. Um die Klimakathastrophe aufzuhalten abzumildern müssten wir die Durchschnittstemperaturen so schnell wie möglich senken, nicht nur den Anstieg begrenzen!

- Thomas
 
Fefe hat einen Artikel von Tagesspiegel verlinkt, der den Sommer zumindest für Berlin/Brandenburg noch katastrophaler beschreibt.

Eine Ergänzung aus dem verlinkten Artikel:

Der Sommer 1976 war deutlich trockener als der aktuelle, aber inklusive April und Mai ist 2018 wiederum das trockenste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen vor 125 Jahren. [...] Die Böden bräuchten einen verregneten Herbst und einen schneereichen Winter, damit im Jahr 2019 noch großflächig Obst und Gemüse angebaut werden können.


Die "gute" Nachricht ist: vermutlich würden wir es im Supermarkt nicht einmal bemerken, wenn hierzulande ein paar Jahre lang keine Landwirtschaft im großen Stil möglich wäre -- außer natürlich die Bauern, die dann Kompensation für ihre Ertragsausfälle wollen. Und die Bionade-Biedermeier, die sich freuen, dass die einheimischen Wassermelonen plötzlich so günstig sind.

Aber die Länder, denen wir die eigenen Erträge wegkaufen werden es umso mehr bemerken.
 
Sörry für die Weltuntergangsstimmung diese Woche... :)