In etwa einem Monat ist es soweit: der 25. Mai 2018 -- ein Tag, der hoffentlich als Feiertag zu Ehren des europäischen Datenschutzes in die Geschichte eingehen darf: der Tag nämlich, ab dem die seit 2016 gültige Datenschutzgrundverordnung anzuwenden ist, und Konzerne keine Ausreden mehr haben, die strengen europäischen Datenschutzrichtlinien anzuwenden.

Der Stichtag wirft seine Schatten voraus, und noch immer scheinen viele Unternehmen sich nicht hinreichend damit auseinandergesetzt zu haben -- aber das soll nicht das Thema sein. Vielmehr finde ich es durchaus spannend zu verfolgen, inwiefern eventuell vorhandene Verstöße ab dem 25. Mai geahndet werden. Ein Gesetz, bzw. eine EU-Verordnung, zu verabschieden und es auch (national) durchzusetzen sind ja unterschiedliche Dinge.

Was mich aber viel mehr umtreibt ist die Reaktion einer ganz bestimmten Firma, die aktuell für ihren Datenreichtum ziemlich unter Beschuss steht, obwohl sie nichts anders macht als die letzten 14 Jahre: Facebook!

Facebook hat eine ganz eigene Art mit der DSGVO umzugehen. Mark Zuckerberg hat neulich noch groß verkündet, dass Facebook den europäischen Datenschutzstandard sogar weltweit für ihre Nutzer einführen will:

„Insgesamt finde ich solche Regelungen sehr positiv“, sagte Facebook-Chef Mark Zuckerberg in der vergangenen Woche im Gespräch mit Reportern. „Wir beabsichtigen, die gleichen Funktionen überall verfügbar zu machen, nicht nur in Europa.“


Wie das im Detail aussehen soll verrät uns Facebook nun mit seinen neuen AGB, die wir bitte bis 25. Mai zu akzeptieren haben. Nebenher werden sicherheitshalber die Nutzerdaten der nicht-europäischen User von Irland in die USA verschoben. Falls man sich das mit dem weltweit anwenden nochmal anders überlegt. Die Wirtschaftlichkeit und so.

Aber zu den Details. Was möchte Facebook uns denn nun mit den neuen AGB Gutes tun, und wie wollen sie die neuen Datenschutz-Standards einführen?

Es geht schon großartig los:

Der Schutz deiner Privatsphäre hat für uns oberste Priorität. (...) Mit dem Ziel, dir relevantere Werbung zu zeigen, verarbeiten wir Daten, die Werbetreibende, App-Entwickler und Publisher uns über deine Aktivitäten außerhalb von Produkten der Facebook-Unternehmen zur Verfügung stellen. Dazu gehören Daten über deine Nutzung von Partner-Webseiten und -Apps und bestimmte Offline-Interaktionen mit ihnen (z. B. Käufe). Du bestimmst, ob wir diese Daten verwenden, um dir Werbung zu zeigen. (...) beachte jedoch, dass wir (...) Partnerdaten weiterhin für andere Zwecke verwenden (...)


Insbesondere ist es also nicht möglich, der Speicherung und Verarbeitung von Daten anderer Unternehmen durch Facebook zu widersprechen!

Aber was sind das denn nun eigentlich für Daten?

Hier sind einige Beispiele für Daten, die Partner mit uns teilen können:

* Deine Aktivitäten auf Webseiten und in Apps, die Facebook Business-Tools verwenden (z. B. unser Pixel oder den „Gefällt mir“-Button), einschließlich Online-Käufe oder App-Downloads
* Deine Offline-Interaktionen mit Partnern, zum Beispiel der Kauf eines Helms in einem Fahrradgeschäft


Das ist schön, dass eure "Partner" euch das Mitteilen. Partner ist hier ein sehr großzügiger Begriff, wenn es jeden Web-Designer, der einen Like-Button anzeigt, und so ziemlich jeden App-Entwickler einschließt. Und: "unser Pixel"??? Das heißt ich sehe nicht einmal, wenn ich auf der Seite bin, ob ich auf einer eurer "Partner"-Seiten bin?

Wissen eure Partner eigentlich, dass sie eure Komplizen sind? Wer sagt denn, dass eure Partner euch diese Daten überhaupt übermitteln dürfen?

Wer hat schonmal in einem Laden einen Hinweis gesehen, dass die Verkaufsdaten an Facebook gehen? Und wie will das Fahrradgeschäft mich überhaupt identifizieren? Allein die Erwähnung dieser Daten macht Facebook noch gruseliger, als es schon war.

Der eigentliche Hammer, der Anlass zu diesem Artikel, kommt eigentlich erst noch. Facebook ist aber garnicht so doof: ich müsste erst der Datensammelei meiner vollständigen On- und Offline-Aktivitäten zustimmen, bevor sie mir verraten, was sie noch wollen. Daher zitiere ich das aus zweiter Hand:

Tatsächlich aber nutzt der Konzern die Gelegenheit, automatisierte Gesichtserkennung nun auch in der EU und Kanada an den Start zu bringen, die in diesen Regionen aufgrund von Protest bislang nicht ausgerollt wurde. Anders als bei dem ersten Anlauf, das biometrische Verfahren hierzulande einzuführen, sollen Nutzer diesmal um ihr Einverständnis gefragt werden. Das ändert jedoch nichts daran, dass Facebook sich eben doch neue Rechte zur Sammlung und Verwendung von Nutzerdaten einräumen lassen will.

Schließlich basiert die Gesichtserkennung darauf, dass eine Software Fotos analysiert und für Gesichter individuelle Signaturen auf Basis ihrer Merkmale erstellt. Anhand dieser mathematischen Repräsentationen der Gesichter werden Personen dann auf beliebigen Fotos wiedererkannt.


Und damit wäre Facebook endlich in der Lage, euch nicht nur auf Partyfotos automatisch zu taggen -- ob ihr wollt oder nicht -- sondern vor allem auch euch durch die Videoüberwachung des oben genannten Fahrradgeschäfts beim Kauf zu identifizieren. Ach ja... hatte ich mich nicht gewundert, wie sie mich bei "Offline-Ladenkäufen" identifizieren wollen?

Liebes Facebook! Jetzt habt ihr es endlich geschafft... ciao!

- Thomas

Anm.: alle Hervorhebungen in Zitaten sind von mir.

#DSGVO #GDPR #Facebook #Datenschutz #deletefacebook #Facebook-AGB
  
Da freue ich mich doch, nicht dabei zu sein. 😃
  
Ich hoffe Du meinst nicht generell den 25. Mai :D
  
Nee, die f-Firma natürlich! 😃

  
Ich habe mein aktuelles Buch ausgelesen, und dabei kamen mir noch einige Gedanken, die nicht direkt mit dem Inhalt zu tun haben... eine der grundlegenden Thesen des Buches ist, dass Politiker das tun, was ihre essentiellen Unterstützer wollen. In einer Demokratie ist das der Teil der Wähler, der für den Politiker gestimmt hat und weiterhin wird, wenn er diese Leute glücklich macht.

Autokraten haben nun den großen Vorteil, dass sie relativ wenige essentielle Unterstützer haben, und diese somit einzeln mit Geld überschütten können. In einer Demokratie, wo der Herrscher zwischen 10% und 25% der Wahlbevölkerung glücklich machen muss, um seinen Job zu behalten, funktioniert das nicht. Der kluge Demokrat investiert lieber in öffentliche Güter, die vor allem seine Unterstützer glücklich machen. Beispielsweise schnelles Internet auf dem Land -- zufällig eine klassische Hochburg konservativer Politik. Allerdings ist der Witz an öffentlichen Gütern eben, dass alle was davon haben. Deswegen ist das Leben in einer Demokratie auch im allgemeinen besser als in einer Autokratie.

Warum erzähle ich das alles? Zum einen, weil das Buch absolut empfehlenswert ist und noch viel mehr spannende Thesen enthält. Zum anderen aber, weil dieser Zusammenhang eine wichtige Lektion beinhaltet: Politiker tun im großen und ganzen, was wir, das Volk, wollen. Vielleicht sind Teile der Bevölkerung wichtiger als andere, aber dennoch sind unsere Politiker nicht nur von einer Hand voll Leuten abhängig, und müssen somit im Blick haben, was ihre Unterstützer und die Bevölkerung insgesamt gerade möchte -- das ist der politische Nutzen von Grundrechten wie der Meinungsfreiheit.

Dann fragt man sich aber doch, warum so oft Zeug passiert, das wir eigentlich nicht wollen. Zum Beispiel der Skandal um #Facebook und #Datenschutz -- warum haben unsere Politiker uns nicht vor den skrupellosen Kapitalistenschweinen aus Silicon Valley beschützt? Warum machen Politiker und Parteien sogar noch Werbung für Facebook?

Wenn wir mal ehrlich sind kennen wir die Antwort doch alle. Wir wollen es so. Alle sind auf Facebook, also machen die Parteien dort Werbung. Firmen wie #Google und #Microsoft machen einen Haufen Geld mit moralisch zweifelhaften (und illegalen) Mitteln, aber sie stellen auch Services und Apps bereit, die die breite Mehrheit tagtäglich nutzt. Wer sich als Politker offen für freie Software und gegen die Nutzung von Facebook, Google, Windows, iPhones, usw. ausspricht macht sich unbeliebt und verliehrt seinen Job. Oder bekommt ihn garnicht erst.

Mit Versprechen, die niemanden interessieren, gewinnt man keine Wahlen.

- Thomas
  
das ist der politische Nutzen von Grundrechten wie der Meinungsfreiheit


...das Buch ist übrigens an einigen Stellen ziemlich zynisch und deprimierend...